Theodor Fontane und Molchow
Theodor Fontane ist am 30. Dezember 1819 in Neuruppin geboren. Noch heute steht das Haus mit der Löwen-Apotheke in der Karl-Marx-Straße 84 in Neuruppin. Er kam als Sohn des Apothekers Louis Henri Fontane und dessen Frau Emilie im Gebäude der damaligen Löwen-Apotheke zur Welt
Er war ein deutscher Schriftsteller, Journalist und Theaterkritiker. Sein im fortgeschrittenen Lebensalter einsetzendes umfangreiches Romanschaffen (darunter Frau Jenny Treibel, Effi Briest und Der Stechlin) begründete Fontanes Bedeutung als Vertreter des zeitgenössischen Realismus. Effi Briest war Lektüre in den Schulen der DDR.
In der DDR gehörte Theodor Fontane fest zum Literaturkanon. Während seine Gedichte und Balladen bereits in unteren Klassen behandelt wurden, lasen die Schüler der gymnasialen Oberstufe vor allem seinen bekanntesten Gesellschaftsroman, um die preußische Geschichte zu reflektieren. Der Lesestoff im DDR-Unterricht umfasste schwerpunktmäßig diese Werke: Der Roman Effi Briest zählte zur verbindlichen Schullektüre in höheren Klassen (teils in Klasse 10) und wurde für literaturgeschichtliche Analysen herangezogen. [1, 2, 3] Besonders bekannt war die Ballade John Maynard (fester Bestandteil in Klasse 6) sowie Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland. [1, 2, 3, 4]
Theodor Fontane kam in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ auch durch Molchow und widmete Molchow ein paar Seiten, die im Archiv Digitales Brandenburg im Originalscan verfügbar sind und im Projekt Gutenberg als einfache Textversion zu finden ist.
Aber Ausnahmen auch hier, und unter diesen Ausnahmen in erster Reihe das alte Dorf Molchow, das wir, über eine Schmalung des gleichnamigen Sees hinweg, in diesem Augenblick erreichen. Eingesponnen in Gärten und Laub liegt es da, die Studentenblume blüht, der Kürbis hängt am Gezweig, und der Hahn begrüßt uns vom Zaun her und kräht in den lachenden Morgen hinein. Alles hell und licht, im rechten Gegensatze zu Molchow, das mit seinem finster anklingenden Namen an alle Schrecken des Schillerschen »Tauchers« mahnt.
Alles hell und licht, ausgenommen ein rondellartiger Grasplatz inmitten des Dorfs. Auf ihm wird begraben, mehr in Unkraut als in Blumen hinein, und aus der Mitte dieses Platzes wächst ein Turm auf, unheimlich und grotesk, als hab ihn ein Schilderhaus mit einer alten Windmühle gezeugt. Von beiden etwas. Und unheimlich wie der Turm, so auch die alte Glocke, die in ihm hängt. »Ave Maria, gratia plena« steht an dem obern Rande, die Glocke selbst aber ist geborsten, und ihre Inschrift war ihr kein Talisman. Zweihundert Jahre, da fanden sie die Molchower auf einer halb Heide gewordenen, halb waldbestandenen Feldmark zwischen zwei Bäumen aufgehängt. Es war die Glocke von Eggersdorf, eines Dorfes, das im Dreißigjährigen Kriege, wie hundert andere, wüst geworden war und es seitdem auch geblieben ist. Die Molchower aber erbarmten sich des Findlings und bauten ihm diesen Glockenturm. Eine Leiter führt hinauf, die glücklicherweise von denen, die dort oben regelmäßig wohnen, entbehrt werden kann, denn es sind nur Dohlen an dieser Stelle zu Haus. Immer wenn die geborstene Glocke gezogen wird, fliegen sie scharenweis auf, und einzelne von ihnen – wenn es wahr ist, was man sich von Raben und Krähen erzählt – mögen die Glocke noch von ihren Eggersdorfer Tagen her kennen und nun Betrachtungen anstellen zwischen damals und heut. [Projekt Gutenberg, Home – Projekt Gutenberg]